Waldorfkritik

In Kurzform:

Die Waldorfschule ist eine Bildungseinrichtung in freier Trägerschaft, welche 1919 von Rudolf Steiner in Stuttgart gegründet wurde. Dieser erstellte im Auftrag Emil Molts, dem Besitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, für die Kinder seiner Arbeiter ein pädagogisches Konzept. Dieses fußt auf der ebenfalls von Steiner „erdachten“ (er behauptet, seine Erkenntnisse aus der Akasha-Chronik gewonnen zu haben, welche nur Eingeweihten [= bisher nur ihm] zugänglich sei) Anthroposophie, auch Geheimwissenschaft genannt. Diese hat die Aufgabe, die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten zu entwickeln und zur Erkenntnis des Geistigen in der Welt und im Menschen zu lenken. Aufgrund ihrer Komplexität und des Fokus auf Steiners Pädagogik sei an dieser Stelle lediglich auf Stichworte zum weiteren Studium verwiesen: Karma, Reinkarnation, Wesensglieder, Kosmos.

Als integrierte Gesamtschule umfasst sie in der Regel 12 Schuljahre und endet mit dem in Deutschland nicht anerkannten Waldorfabschluss. Dieser setzt sich aus den in den vorigen Jahren erstellten Epochenheften (enthält Mitschriften des Unterrichts und eigene Beiträge), den Praktika, Theaterinszenierungen, dem Abschluss in Eurythmie (tänzerische Bewegungen zu Sprache und Musik), einer Studienfahrt mit meist künstlerischer Ausrichtung und einer Facharbeit zusammen. Ein 13tes Schuljahr kann als Vorbereitung auf den staatlichen Schulabschluss absolviert werden.

Bis zur achten Klasse besteht das Klassenleiterprinzip, welches durch den fast alleinigen Unterricht des Hauptlehrers gekennzeichnet ist. In dieser Zeit wird weitestgehend auf (Lehr-)Bücher verzichtet, Hauptunterrichtsform ist die Erzählung, unterstützt durch Tafelbilder. Generell wird der Unterrichtsstoff nicht über kognitive Prozesse sondern über das Erlebnis vermittelt. Alles muss künstlerisch angehaucht oder mit den Händen geschaffen worden sein, um den anthroposophischen Grundlagen zu genügen. Diesen zufolge können bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten erst entstehen, wenn der entsprechende Leib (physischer-, Äther-, Astral- und Ich-Leib) geboren wurde (siehe Wesensglieder). Ein 8jähriges Kind kann etwa nur über Bildliches lernen, ab der Geschlechtsreife (~ 14) geht es über zur nächsten Phase, in der es vermehrt auf Begriffe zurückgreifen kann.

Bereits ab der ersten Klasse findet Fremdsprachenunterricht statt, zumeist Französisch oder Russisch in Kombination mit Englisch. Dies, die vielfältigen Praktika (Landwirtschaft, Vermessung, Soziales), und bei Gründung die Ablehnung der Apartheid und die von Anfang an praktizierte Koedukation bestimmten die Vorreiterrolle der Waldorfschule bei ihrer Gründung. Doch das starke Festhalten an den Lehren Steiners bis heute und der u.a. daraus resultierende Evolutionsstopp sorgten dafür, dass sie diese verlor.

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Contra Indoktrination und Modernitätsfremdheit:

¬ Ein Hauptkritikpunkt der Waldorfgegner gründet sich auf den Lehren der Anthroposophie, welche zwar nach offiziellen Aussagen weder gelehrt noch Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen hat, jedoch regelrecht indoktriniert wird. Durch die mangelnde Kontrollierbarkeit dessen ist es für Schüler unmöglich, dem anthroposophischen Einfluss zu entkommen oder ihn gar zu erkennen. Andere wissenschaftliche Disziplinen wie etwa Soziologie und Psychologie werden als „störend“ und „sachfremd“ betrachtet.

¬ Die wahre Menschenerkenntnis gibt es nur in der Anthroposophie. Es ist für den Waldorfpädagogen ratsam, an einer Schulung zum Geisterseher teilzunehmen. Dies erleichtert ihm, Aura und karmisches Schicksal in seinem Schüler zu erkennen und ihn dementsprechend zu fördern. Steiner zu Folge ist jegliches körperliche Defizit Ausdruck eines Problems in diesem oder im vorigen Leben. Kognitive Be- (nicht Über-!) Anspruchung sorgt so zum Beispiel für Krämpfe. Die Erziehung dient also nur der regressiven Verarbeitung der vorigen Leben, nicht aber der Entfaltung der Persönlichkeit.

¬ In der Anthroposophie hat alles ohne Ausnahme Sinn, des Weiteren hängt alles „irgendwie“ zusammen. Der berühmte Reissack in China, welcher umfällt, wird hier zur absoluten Wahrheit. Die Relationen aller in der Welt gegebenen Sachverhalte und Gegenstände können allerdings nur durch anthroposophische Lehren legitimiert werden und finden in anderen Wissenschaften keine Unterstützung.

¬ In der Eurythmie (ohne „h“!) gibt es für jeden einzelnen Sprachlaut festgelegte Bewegungen. Durch sie werden u.a. Gedichte dargestellt, eine eigene Interpretation oder Stimmungsschwankungen sind somit nicht möglich. So lernen Waldorfschüler, ihre eigenen Empfindungen zu ignorieren. Hier zeigt sich ein krasser Widerspruch zu den sonst so „individualisierenden“ Zielen.

¬ Der Klassenlehrer hat eine absolutistische Stellung inne, sein alleiniges Urteil (es werden eher Einstellungen denn Ergebnisse bewertet!) entscheidet über das Schülerschicksal. Der Unterricht richtet sich aufgrund des Büchermangels und der anthroposophischen Durchtränkung jeglicher Inhalte (welche den wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität ad absurdum führt) nach dem Lehrer – gleich, wie er etwas interpretiert, was er zum Thema wählt oder aus welchen Quellen er seine Informationen schöpft.
Die Unsterblichkeit wird zum Beispiel anhand der Schmetterlingspuppe erläutert, dies dann auf den Menschen und schließlich auf den Kosmos übertragen. Der Schüler weiß nun zwar, wie das Tier in diesem Stadium aussieht, kennt aber keine biologischen Fakten.

¬ Es bleibt dem Heranwachsenden – sofern er nicht aus dem steinerschen Kreis ausbricht und sich das Wissen selbst anliest – nichts anderes übrig, als dem Lehrer bedingungslos zu vertrauen: alles, was er an Stoff vermittelt, muss demzufolge wahr sein, wird aber nie überprüft, wie es an staatlichen Schulen üblich ist.

¬ Der Verzicht auf Noten wird zwar vielerorts als Vorteil aufgefasst, fraglich ist jedoch, ob die schrittweise Heranführung wie in der Staatsschule nicht doch sinnvoller ist, als das sehr plötzliche und unvermeidbare Eintauchen in die Leistungsgesellschaft. Auch Waldorfschüler merken kritisch an, dass der enorme Druck vor der staatlichen Abschlussprüfung nicht durch die vorherigen Jahre der Ahnungslosigkeit über die eigenen Fähigkeiten aufzuwiegen ist. Das Worturteil der Waldorfzeugnisse prophezeit immer Optimismus („Im nächsten Jahr wird er es schaffen“), statt den Schüler kritisch einzuschätzen („x beherrscht er noch nicht“).

¬ Die Ablehnung allen Künstlichen, so bei wikipedia.org zu finden, entspricht nicht der Lebenswelt heutiger Heranwachsender.

¬ Ist die Waldorfschule nun eine (religiös geprägte) Weltanschauungsschule oder nicht? Wie bei so vielen anderen Kritikpunkten auch streiten es die Anthroposophen ab. Dennoch wurde Anfang 2006 ein Gerichtsurteil diesbezüglich gefällt und den Kritikern Recht gegeben.

¬ Alles, was erlebt wird, wird somit auch erkannt. In J.-J. Rousseaus Pädagogik (1762) heißt es, dass sich nicht die Sinne, wohl aber das Urteil täuschen lässt. Dennoch ergibt sich hieraus ein sehr unsicheres Wissensfundament.

¬ Das Miterleben des Stoffes und seine künstlerische Gestaltung werden als gut, intellektuelle Erschließung des Lebens aber als schlecht betrachtet. Eine Analyse des Dargebrachten findet nicht statt, seine Darstellung ist der einzige Sinn, etwas Neues wird nicht vermittelt.

¬ Lernen erfolgt nur über „Befehl“, nicht über Selbständigkeit. Dies würde dem Lernenden Vieles erleichtern. Generell wird zwar die künstlerische Freiheit, nicht aber eine andere Art der Selbständigkeit gefördert!

¬ Dem Schüler wird ein bindender Leitspruch zugeteilt, in dem er sich wiederfinden und an dem er sich orientieren soll. Die Lernpsychologie hat sich mit diesem Phänomen näher beschäftigt und charakterisiert es folgendermaßen: Der Spruch schreibt dem Kind seine Wünsche vor und konditioniert es hierauf.

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Quellen:

Dieser Aufsatz entstand größtenteils aus dem Kopf, nachdem ich das Thema „Kritik der Waldorfpädagogik“ als Zwischenprüfungsthema in der Uni absolvierte (Note „Sehr gut“ ).

Wie der Titel schon sagt, handelt es sich nicht um eine Darstellung dieser. Der Wikipedia-Artikel zum Thema „Waldorf“ gibt einen guten Überblick, die Informationen entstammen größtenteils von Prange, dem schärfsten Waldorfkritiker (die meisten Waldorfdarstellungen entstammen leider von ihren Anhängern und verschweigen allerlei).

– Prange, Klaus, Erziehung zur Anthroposophie – Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik, Klinkhardt, Bad Heilbrunn/Obb., 1987
– Schaub, Horst, Zenke, Karl G., Wörterbuch Pädagogik, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2000 („Waldorfschule“)
http://www.wikipedia.org/waldorfschule

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