Das Lamm

Familien findet man überall. Kleine und große, menschliche und tierische und vielleicht gibt es sie auch unter den Pflanzen (dachte zumindest das Lämmchen). Schön war es, mit Papa herumzutoben und sich bei Mama zu verstecken, wenn es gewitterte. Geschichten zu hören oder einfach gemeinsam in der Sonne zu liegen.

 

Doch Eltern tun nicht immer das, was Kindern Spaß macht. Oft stehen sie nur herum, reden, essen oder schauen auf unbewegte Dinge. Bei Schafen ist das nicht anders.

Das kleine Lamm langweilte sich, während seine Eltern darüber philosophierten, ob diese Blume schöner sei oder jene. Und so ging es seiner Wege.

Es erkundete die bunte Wiese, den plätschernden Bach, traf einen Hasen und baute sich schließlich eine gemütliche Höhle inmitten der leuchtendsten Krokusse.

Unterdessen hatten seine Eltern sein Verschwinden bemerkt und suchten ihr Lämmchen. In jeden Busch blökte Vater Schaf, jeden Stein drehte die Mutter um. Doch es nützte nichts, denn der Junge war in seinem Versteck fest eingeschlafen.

Als das kleine Schaf wieder zu sich kam, war die fast Sonne verschwunden. Alles ringsherum war still und nach einigen wackligen Schritten stellte es fest, dass es nicht einmal mehr wusste, wo es war. Verängstigt rief es nach seinen Eltern, doch keine Antwort erlöste es. So versteckte sich das Lamm bis zum Morgen in seiner Blumenhöhle.

Seine Eltern hatten fast die ganze Nacht nach ihm gesucht und sich weit von ihrer Weide entfernt. Als sie an einer Schlucht ankamen, wurde ihnen bang ums Herz. War ihr Lämmchen etwa da hinein gefallen? Lebte es noch?

Sie beschlossen, hinab zu steigen. Kein Schaf kannte die Welt hinter den großen Felsen, denn dort lebten früher die Menschen. Vögel berichteten, dass nun alles verlassen sei, doch unheimlich war es trotzdem.

Auch das Lamm irrte wieder umher und wie der Zufall es wollte, kam es ebenfalls zu den Felsen. Vage nahm es einen bekannten Geruch war. Nach Stroh und Wärme. Und Liebe. Eifrig begann es zu klettern, doch in seinem Überschwang strauchelte es und stürzte einige Meter hinab.

Nun lag es da, einsam, mit verletztem Bein und ohne Gewissheit, ob es jemals wieder nach hause kommen würde.

Unterdessen hatte Vater Schaf die verlassene Menschensiedlung erreicht. Mühsam erklomm er die Mauern und sah sich um. Spinnweben bevölkerten die blinden Scheiben, Farbe blätterte von den Wänden, doch von seinem Kind war nichts zu sehen.

Das Lämmchen hatte sich wieder berappelt. Ein wenig Blut verklebte sein Fell und mancher Schritt schmerzte, aber es konnte gehen. Und so folgte es dem Geruch, bis es an einen Wald kam, wo sich viele neue Düfte in seiner Nase mischten.

Hohes Gras erschwerte sein Weiterkommen und alles roch anders, fremd, manches gut, doch anderes machte ihm auch Angst. Der vertraute Geruch jedoch war verschwunden.

Plötzlich traf das kleine Schaf etwas am Kopf, kitzelte es am Ohr und eine Stimme brummte leise hinein. Erschrocken versuchte das Lamm zu fliehen, aber sein verletztes Bein ließ keine wilden Sprünge zu.

„Jetzt hör doch mal auf damit!“ schimpfte jetzt jemand direkt über seinem Auge. Verdutzt blieb Lämmchen stehen. Da schaute ein schwarzes, seltsam geformtes Gesicht auf es herab. Ein Käfer, nur ein Marienkäfer!

Es beruhigte sich wieder. Wie sich herausstellte, hatte der Käfer seine Eltern in der Siedlung entdeckt. Als er weiter flog und noch ein Schaf herumirren sah, wurde er stutzig, schließlich hausten in dieser Gegend mehr acht- als vierbeinige Gesellen. Er wies dem Lamm den Weg und verschwand wieder in den blauen Lüften.

Während Lämmchen sich den Weg zur Siedlung erkämpfte, waren seine Eltern schon darüber hinaus. Sie hatten einen Ort erreicht, an dem mehr Leben herrschte.

Bis ans große Wasser wanderten sie, um ihr Kind endlich wieder bei sich zu haben.

Doch nirgends konnten sie es entdecken.

Weit entfernt, aber doch so nah, ging die Sonne erneut unter. Auch das kleine Schaf hatte seinen Weg zum See gefunden, hatte es sich doch wieder verirrt und musste nun erneut die Siedlung suchen, in der es Mutter und Vater zu wissen glaubte.

Nach einer kalten Nacht versteckt im hohen Gras fand das Lämmchen endlich die verlassene Siedlung. Düster war es hier, obwohl die Sonne hell durch die schmutzigen Scheiben schien. Lange irrte es durch die Häuser, die wilden Wiesen und auch die leeren Ställe.

Tag für Tag verflog und obwohl es seine Eltern vermisste, war die Suche doch auch ein Abenteuer. Manche Orte waren so angsteinflößend, dass das Lamm die Luft anhielt, bis es sie verlassen hatte…

…andere wiederum waren hell und freundlich, so dass sich das Schäfchen so wunderbar fühlte, als könnte es die ganze Welt erklimmen.

Auch Vater und Mutter Schaf hatten das Menschenland noch nicht hinter sich gelassen, aber ihnen kamen alle Tage gleich traurig und düster vor.

Wieder und wieder kam das Lämmchen an Orte, an denen es einen vertrauten Duft zu erhaschen glaubte.

Und wieder und wieder glaubten seine Eltern, seine Spuren im Schmutz entdeckt zu haben.

Doch wie man es auch drehte…

…und wendete…

…das Lämmchen blieb allein.

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