Die große Reise * Teil II


Piefke verbrachte den kalten Winter bei Sanne, doch das Leben in einer kleinen Wohnung zwischen steinernen Wänden und glatten Fenstern, durch die kein Windhauch drang, ließen Piefke sehnsüchtig werden. Verreisen, das wäre es!


Eines Tages, als das Chamäleon gerade ein Bad im Waschbecken nehmen wollte, geschah etwas Seltsames. Durch den Abfluss kam ein kleines Krokodil gekrabbelt! „Man, man, man, dit hat aber mal jedauert!“ fluchte es vor sich hin. „Du glaubst ja jar nich, durch wie viele Rohre ick mir quetschen musste, um Dir zu finden! Danbo schickt mich. Du bist doch Piefke, wa?“ redete es weiter. „Ähm… ja…“, gab der verwirrt zurück. „Also denn, pass ma uff, ick erklär Dir, wie Du zu ihr kommst!“.


Und so kam es, dass Piefke zwei Tage später in einem echten Zug saß und verwundert aus dem Fenster blickte. So schnell sauste alles an ihm vorbei und dennoch schien diese Zugfahrt kein Ende zu nehmen. Und immer weiter rauschte es nur so vorbei, dabei wollte er doch nur die schöne Landschaft betrachten…


Irgendwann machte sich Piefke auf, um im Speisewagen einen Kaffee zu trinken. Dieses Getränk hatte er bei Sannes Eltern entdeckt, die manchmal vergaßen, ihre Tassen wegzuräumen. Am Anfang war es ihm zu bitter, aber er musste doch immer wieder etwas stibitzen und nun mochte er Kaffee richtig gern. Auf seinem Weg dorthin hörte er, wie jemand ganz leise auf italienisch vor sich hin murmelte. Schließlich kam er an einer vornehmen Maus vorbei, die einen edlen, alten Koffer hatte, auf dem „Roma“ stand. Piefke schüttelte den Kopf: „Was hat der die ganze Zeit zu brummeln?!“, ging aber unbeirrt weiter.


Im Speisewagen angekommen, sah sich Piefke glücklich um. So ein schöner Wagen, ganz anders als die Spielzeugeisenbahn bei Sanne! Er streckte vorsichtig die Nase hoch. Es roch nach Kaffee und Kuchen. Der Mann auf der anderen Seite des Tisches, auf den Piefke geklettert war, war mit seinem Handy beschäftigt und merkte nicht, dass ein kleiner grüner Dieb sich heimlich an seiner Tasse bediente.


Zufrieden und mit vollem Bauch krabbelte Piefke zum gegenüberliegenden Fenster. Von dort aus konnte man einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachten… Die Reise sollte noch noch drei lange Stunden dauern… Plötzlich hörte er wieder diese italienische Stimme.


Dann sah er, wie die vornehme Maus immer noch mürrisch murmelnd in den Speisewagen trat. Piefke hörte, wie sie sich in einer Ecke, die er nicht genau sehen konnte, einen Kaffee bestellte. „Buona sera, Signore. Io vorrei un Ristretto con molto Zucchero”, sprach sie. Neugierig ging Piefke etwas näher heran und entdeckte, dass unter der Theke ein kleines Loch war, durch das eine andere Maus ein und aus ging und Kaffee direkt aus der Maschine der Menschen nahm, wenn sie wegschauten, um damit ein eigenes Café zu betreiben. Dem Fremden wurde der Kaffee zum Tisch gebracht, aber die Maus begann erneut, sehr energisch vor sich hin zu schimpfen.


Piefke näherte sich ihr und fragte schüchtern: “Was ist passiert, dass Du so verärgert bist?“ – „Das iste kein Ristretto, das iste ja normaler Milchkaffee!“, fuhr der fort zu schimpfen. „Oh, das tut mir leid“, antwortete das Chamäleon. „Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Piefke“. – „Sono molto lieto di conoscerli, signore Piefke. Ich heiße Spilo. Bist Du auch auf der Durchreise?“ – „Ja, ich reise in die Schweiz.“
Und so lernten sich Spilo und Piefke kennen.


Sie hatten sich viel zu erzählen, so das die Reise wie im Flug verging. Piefke berichtete Spilo von Sanne, die er trotz des Abenteuers vermisste und Spilo schilderte Piefke seine menschliche Freundin, ein Mädchen namens Maddi. Sie hatte ein großes Puppenhaus, in das sie die Maus eingeladen hatte, wann immer sie in der Nähe war. Es war schon sehr spät, als sie am Bahnhof ankamen und Piefke durfte sich Spilo auf dem Weg dorthin anschließen.


Endlich waren sie am Haus von Maddis Familie angelangt, hatten sich durch ein Mauseloch hineingeschlichen und standen nun vor dem Puppenhaus. Spilo war ein wenig aufgeregt. Piefke kam nicht mehr aus dem Staunen heraus und fragte ehrfürchtig: „Wer hat denn dieses schöne Puppenhaus gebaut?“ – „Das war der Opa von Maddi“ antwortete die Maus geistesabwesend.


Plötzlich ging die Haustüre auf und Maddi grinste ihnen durch die kleine Öffnung entgegen. Sie hatte ihre Figuren als Empfangskomitee aufgestellt und begrüßte die Neuankömmlinge nun freudig.


Nach dem Essen spielten Piefke und Spilo mit den Puppen und Maddi, die alles eifrig fotografierte. Komischerweise brummelte Spilo gar nicht mehr so unwirsch vor sich hin, seit sie dem kleinen Mädchen begegnet waren…


Spät am Abend ging es dann für die beiden müde, aber zufrieden ins Bett. Denn
bald ging die Reise weiter in die Schweiz und nach Italien.
Am nächsten Morgen waren beide schon früh wach und begaben sich ins Wohnzimmer, wo Spilo und Piefke nochmals ausgiebig frühstückten. Nach dem Frühstück war es so weit, sie machten sich auf den Weg zum Bahnhof.


Sie waren schon eine ganze Weile am Bahnhof und warteten auf den Zug, der gleich
eintreffen sollte, als sie plötzlich eine Durchsage hörten: “Achtung Gleis 9, der ICE 107 von
Düsseldorf nach Basel hat eine Verspätung von 10 Minuten“. Spilo lachte: „Hahahaha, nicht nur in Italien haben wir Verspätungen!“. Er sah ein wenig besorgt aus und trotz seines Lachens  fügte er „Ich hoffe, ich erreiche den Anschluss in Basel noch…“ leise hinzu.


Sie waren bereits einige Zeit unterwegs, Piefke schaute schon eine ganze Weile zum Fenster hinaus und Spilo ärgerte sich, dass er immer noch unten war und nicht oben am Fenster wie Piefke. „Spring rauf und schau Dir das an!“, meinte der gerade aufgeregt, doch Spilo sagte ein wenig beschämt: „Ach, ich kann nicht springen. Ich bin nicht mehr der Jüngste und habe nicht mehr die Kraft…“ – „Warte, vielleicht kann ich Dir helfen!“ antwortete das Chamäleon.


Schnurstracks kletterte Piefke herunter und lief in den Speisewagen, wo er die Cafémaus antraf. „Bitte hilf mir! Mein Freund Spilo schafft es nicht allein, aufs Fenster zu klettern. Vielleicht erinnerst Du Dich ja an ihn, er ist ein großer Fan von Risotto… oder wie der Kaffee heißt…“ Obwohl Spilo am Tag zuvor so geschimpft hatte, holte der Mäuserich seine Freunde und gemeinsam schoben sie eine liegen gebliebene Tasche so ans Fenster, dass Spilo leicht darauf klettern konnte. Verlegen bedankte er sich bei ihnen.
Lange saßen sie am Fenster und plauderten über ihr Leben. Mitten in der schönsten Abenteuererzählung schauten sich beide ganz erschrocken an, als sie die Durchsage hörten. „Sehr geehrte Fahrgäste, wir treffen in wenigen Minuten in Basel ein, bitte alle aussteigen. Der Ausgang befindet sich in Fahrtrichtung links“.
Ja, jetzt war der Zeitpunkt da, wo sich die Wege von Piefke und Spilo trennen würden. Spilos Reise ging weiter Richtung Italien. Und Piefke nahm den Zug nach Langenthal, wo Danbo auf ihn wartete.


So verabschiedeten sich die beiden und waren sehr traurig, denn es war nicht gewiss, ob sie sich wiedersehen würden. Inzwischen waren sie gute Freunde…
Als Piefke auf seiner weiteren Reise vor sich hingrübelte, kam ihm in den Sinn, dass er gar nicht wusste, wo die Maus lebte. „Ohje, jetzt sehe ich Spilo nie mehr. Denn er lebt ja in Rom und Rom ist riesig!“ Doch dann kam ihm in den Sinn, dass er ihm erzählt hatte, wo er jeden Mittwoch Kaffee trank. Bei Nerina in der Via Giustiniani bei der Piazza Rotonda. Piefke nahm sich fest vor, sich alles zu merken. Aber jetzt freute er sich sehr, Danbo zu besuchen. Nicht mehr lange und er wäre in Langenthal.


„In Langenthal muss ich ins Cafe Spettacolo und auf Danbo warten. Schon komisch, das ist
ein italiensiches Café, Spilo hätte sicher seine Freude daran gehabt…“, dachte Piefke versonnen. Dort angekommen kletterte er auf einen der spiegelnd schwarzen Tische und versteckte sich hinter einer verführerisch duftenden Tasse Kaffee.


Ungeduldig hüpfte Piefke auf und ab – und dann stand sie plötzlich da: Danbo, das Kartonmädchen. Sie begrüßten sich überschwänglich und das kleine Chamäleon sprang ihr vor Freude direkt auf den Arm. „Endlich, da bist Du ja, Piefke!“ Der war so aufgeregt, dass er sogar den Kaffee vergaß.
„So, jetzt kommt noch eine kleine Fahrt mit dem Vorortszug und dann hast Du es geschafft mit Deiner langen Reise in die Schweiz, es ist auch schon Zeit, der Zug kommt gleich!“, sagte Danbo.


Kaum waren sie am Bahnsteig, kam der Zug auch schon angerast. „Komm, einsteigen, Piefke!“ rief Danbo fröhlich.


Und dann durfte Piefke voller Stolz auf dem Kartonkopf von Danbo sitzen und die kurze Fahrt genießen, bei der die Lichter der Nacht nur so vorbeirauschten…

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