Chronik einer bösen Fee I – III

Teil I – Trüber Tag, Feld

Noch vor ein paar Monaten hätte ich ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, hätte mir jemand erzählt, was der Frühling mit sich bringen würde. Ich, ein unschuldiges Mädchen vom Lande, eine böse Fee? Aber halt, ich greife vor. Beginnen wir im Mai, dem Monat, der mein Weltbild erschütterte.

Wie es den Studenten so eigen ist, verbrachte ich viel Zeit damit, mich auf der schmalen Linie zwischen Dauerschlaf und bildungsbedingter Panik zu bewegen. Ich hörte Musik aus fernen Ländern, versuchte morgens zumindest gelegentlich pünktlich aufzustehen und der geistigen Umnachtung zu entfliehen. Bis zu jenem ersten Mai nun hielt ich das Reich der Feen und anderer Fabelwesen für Utopie, für schöne Geschichten für Kinder und Träumer.

Und dann kam sie.
Sie war klein und pink – mehr darf ich euch leider nicht berichten. Feen sind sehr spezielle Wesen. Ich vermute insgeheim, dass sie nicht ganz unbeteiligt an diversen Streitigkeiten im Internet sind – ihr wisst schon, wenn der Anwalt und das Inkassounternehmen plötzlich Briefe schreiben.
Aber ich schweife ab.
Sie hieß Luz und bot mir an, für einige Zeit ihren Job zu übernehmen. Im Gegenzug bekäme ich einige magische Fähigkeiten. Die Spielregeln waren recht einfach: jemand sprach einen Wunsch aus, ich fuchtelte ein wenig ungelenk mit meinem Zauberstab (einem dicken Draht, den ich irgendwo auf einer Baustelle fand) hin und her und schwupps! ging der Wunsch in Erfüllung. Damit das Wunschdepot nicht Gefahr lief, sich zu leeren, musste ich ein neues Anliegen hineintun.

Bis hier klingt alles wunderbar, nicht wahr? Was Luz mir nicht verriet – Feen sind fiese kleine Biester. Ihr Charakter ist durch und durch verdorben. Ich wurde eine von ihnen und das Elend begann…

Teil II – Was hab ich mir nur dabei gedacht?

Mein erster Arbeitstag begann recht harmlos. Da ich früh aufstehen musste, sehnte ich mich, nichts ahnend, wie wir Menschen nun einmal sind, nach einer guten Tasse Kaffee. Die erste Überraschung: obwohl ich keinen Wunsch ausgesprochen hatte, sorgte eine Kollegin dafür, dass er sich erfüllte. Ihr Name lautete Vee, wie ich später erfuhr. Wir würden uns noch oft begegnen. Besagte Vee überschüttete mich an jenem Morgen mit einer gehörigen Portion Kaffeepulver. Wie sie mir später erklärte, hätte sie nur getan, was ich wollte: Kaffee.
„Von Becher oder gekocht haste ja nix gewünscht, oder?“ setzte sie keck hinzu.

Auch da kam mir noch nicht in den Sinn, auf welch heimtückische Weise Feen Wünsche erfüllen. Doch nur Minuten später kam ich selbst in den Genuss, es ihr gleichzutun. Auch meinen Geliebten, Cúthalion, hatten die Fabelwesen in ihren Bann gezogen. Sein erster Gedanke galt einer Pfanne, welche ich aus einer mir plötzlich aufkommenden Logik heraus direkt auf seinen Hinterkopf sausen ließ – da gehören Pfannen doch hin, oder? Alte Hausfrauentraditionen darf auch eine Fee nicht umgehen.
Meine Freude war ungetrübt, obwohl ich gerade meinen Partner k.o. geschlagen hatte. Doch was sollte ich mir wünschen? Etwas Unverfängliches, etwas, das weniger Flecken auf meiner Bettwäsche hinterlassen würde. Auf diese Weise lernte ich die schlimmsten Beleidigungen Rumäniens in Landesprache kennen und lieben, denn wieder hatte Vee ihre Finger im Spiel. Hinter das Geheimnis der rumänischen Sprache bin ich bis heute nicht gekommen – aber ich kann fluchen wie ein Kutscher!

Wäre ich nach diesem Erlebnis nur schlauer geworden! Aber nein, mein nächster Wunsch galt dem schönen Spanien. Ein Urlaub in Madrid sollte es sein. Das konnte ja nicht schwer sein. Doch es war wie verhext. Eben hatte ich noch in Ausübung meiner Pflicht Mitfee Vee auf der Toilette ohne Papier, dafür aber mit Tageszeitung eingesperrt (sie wünschte sich ein ruhiges Plätzchen zum Lesen), schon rächte sie sich, indem sie mich in ein Polizeibüro verfrachtete. Immerhin der Blick aus dem Fenster war angenehm. Draußen schien die Sonne, – drin leider nur die Halogenlampe. Ich brauchte all meine bescheidenen Spanischkenntnisse (die zu dem Punkt nur ein wenig besser waren als mein rumänischer Wortschatz), um eine Erklärung zu bekommen. Ich erhielt sie sogar schriftlich. Auf 214 Seiten. Vom Spanischen ins Mongolische und dann ins Deutsche übersetzt. Ich habe bis heute nicht entschlüsseln können, was „Sie Hühnersuppe tuten Roberto laut“ bedeutet.
Mein Liebster versuchte immerhin, mich zu retten. Doch da auch er in der Welt der bösen Feen gefangen war, konnte er nur über einen Wunsch zu mir eilen. Er erbat sich eine Horde starker Männer.
Als ich ihn das nächste Mal sah, prangten zwei Hörner auf seinem Kopf und er trug zahlreiche Verletzungen am ganzen Körper. Gerade noch war er dem Torero entkommen, als er als Anführer der Stiere durch Pamplona um sein Leben rannte. Ich fürchte, er trug einen dauerhaften psychischen Schaden davon, auch wenn wir die Hörner entfernen konnten. Der Ochsenschwanz hielt allerdings etwas länger… Er wünschte sich nun Weltfrieden, was ich ihm auch prompt erfüllte: Michelle, die bekannte Schläger-, nein, Schlagersängerin trällerte ihm in fünf Sprachen „Ein bisschen Frieden“ vor. Wie hatte ich ihm das nur antun können?

Jetzt wusste ich Bescheid: nicht nur mein Beruf und mein Name hatte sich geändert (man nannte mich übrigens Fav, was ich erst seltsam fand. Doch man sagte mir, alle weiblichen Feen hätten einsilbige, alle männlichen viersilbige Namen. Dazu jedoch später mehr.).
Viel wichtiger: auch mein Charakter und mein Geist, welcher jetzt zu ungeahnten Höhenflügen fähig war, hatten sich gewandelt.

Ich war… eine böse Fee!

Teil III – Das Chaos zieht ein

So verwirrend, wie unser Leben im Dienste der serviceorientierten Bosheit begonnen hatte, so chaotisch ging es auch weiter. Von nun an hatten unsere Wohnung und Besitztümer einiges zu erleiden. Mit der Zeit lernten wir zwar, unsere Wünsche zu präzisieren, doch eine echte böse Fee findet immer einen Weg.

Schon bald lernten wir weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Barmherzigkeit kennen. In besonderer Erinnerung verblieb meinem Geliebten vor allem Cericatus, welcher es auf dessen Auto abgesehen hatte. Es begann alles recht harmlos damit, dass Cúthalion sich einen echten Mercedes wünschte. Er dachte sogar daran, seinen Wunschbearbeiter daran zu erinnern, dass die Marke Smart der Daimler AG zugehörig war. Zu seinem Glück erhielt er tatsächlich einen echten Mercedes, zu seinem Leidwesen hatte der „echte Mercedes“ auch einen echten Kolbenfresser inklusive vierer echt platter Reifen. Um das Beste aus der Situation zu machen, konzentrierte sich Cúthalion darauf, alles Notwendige für die teure Reparatur zu bekommen, doch wieder durchkreuzte Cericatus seine Pläne. Mit einem lauten „plopp“ verschwand der Mercedes, stattdessen erschien ein Trabant vor unserer Haustür. Auf dem Beifahrersitz lagen eine Packung Kleber und eine Grußkarte. Darauf standen mit fast unleserlich die Worte „Voilá, hier ist ein original Trabbi, da reicht eine Tube Uhu!“.
Muss ich hinzufügen, dass auch dieser Wagen mit allem ausgestattet war, was ein „echtes“ oder „originales“ Auto braucht? Kolbenfresser und vier kaputte Reifen frei haus. Was liebten wir die Feenwelt in diesen Tagen!

Doch auch ich blieb nicht verschont. Die dritte Fee im Unheilsbunde, Nahc, hatte mich entdeckt. Auch sie würde mir noch viele Überraschungen bereiten. Sie stellte sich vor, indem sie großzügig Putzmittel auf meiner Tastatur verteilte, da sie meine Aufforderung, den Verantwortlichen für mein Computerproblem „pronto!“ zu finden, etwas zu wörtlich genommen und den Großteil meiner Worte überhört hatte.
Der Ärger über dieses neue Unheil ließ mich eine weitere Dummheit begehen. Ich wünschte mir eine Giraffe. Es war wirklich ein wunderschönes Exemplar, „ein ganz reizendes Tier“, wie mir bei der Übergabe versichert wurde. Ich nannte sie Genoveva. Genoveva hatte lange, dichte Wimpern und einen ganz bezaubernden Augenaufschlag. Sie war verschmust, stubenrein und offensichtlich sehr klug. Oh, wie glücklich fühlte ich mich in diesem Moment! Dies war der erste Wunsch, der kein Leid über mich brachte! Doch Schönheit und Intelligenz forderten ihren Tribut. Sie wurde hungrig. Sehr hungrig. Doch Giraffen wären nicht Giraffen, wenn sie sich nicht zu helfen wüssten. Sie fraß nicht nur unseren, sondern auch den Garten unserer von nun an sehr garstigen Nachbarn leer.
Dennoch liebte ich Genoveva über alles. Der Zorn meines Nachbarn hatte zudem meinen Trotz geweckt. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wünschte ich mir, dass meine Haus- und Hofgiraffe Nachwuchs bekommen würde. Max, wie ich den kleinen Bullen taufte, war ein ebenso herziges wie verfressenes Tier. Dem Fluch eines weiteren Wunsches sei dank bekamen meine Giraffen in diesem Monat genügend Futter… ein innerer Wahn trieb mich mehrmals am Tag in das nahe gelegene Gartencenter, um Nachschub zu holen.

Der Monat war noch nicht ganz vorbei und versprach noch spannender zu werden. Ich konnte mein Glück kaum fassen…

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