Kreatives Schreiben I + II

Kreativworkshop, heute. Thema Sommer. Im Kreis schreiben lässt jegliches Gefühl für das Geschriebene verlieren. Seltsam, dieser Kontrollverlust. Vorgelesen fand ich’s gut, gelesen weniger, bekam aber mehrfach Lob dafür… Seht selbst – Klick für Vergrößerung:


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Veröffentlicht am 6. August 2009

Entstanden an einem wundervollen Ort, wenn denn mal keine Menschen da sind… geschwängert vom Duft nach altem Holz und Metall.

„Mutter! Dein Kind braucht Trommler-Schuhe! …denn sie passen so gut!“ war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf ging. Unwillkürlich musste er lächeln. Wie oft hatte er diese Werbung gelesen, damals, als alles noch hell war um ihn herum. Jetzt war alles dunkel. Die Kindheit vorüber, viel zu lang schon und doch: der Geruch nach altem Leder, das Gefühl von Holz, welches viele Jahre keine Pflege erfuhr, brachte ihn zurück in jene Tage. Seine Finger waren fast taub, abgenutzt vom vielen Tasten. Manchmal verfluchte er es, manchmal liebte er es. Aber was blieb ihm anderes? Mit den Trommler-Schuhen verschwand auch sein Vater und mit diesem seine Sinne. Oft fragte er sich, ob seine Mutter ahnte, was passiert war. Oder klammerte sie sich mit derselben Verzweiflung, mit der sie ihn großgezogen hatte, an die Vorstellung, dass alles nur ein tragischer Unfall war? Sie verlor den Mann und ein Stück weit auch den Sohn. Vielleicht würde die Wahrheit sie endgültig zerfressen. Noch einmal musste er bei diesem Gedanken lächeln, ja, fast lachen. Zerfressen – ha! – das war das Wort der Stunde. Oder das seines Lebens, aber darum kümmerte er sich schon lang nicht mehr. Seine Welt war düster und still, beklemmend und voll von verwaschenen Erinnerungen, die sich dann und wann empor quälten und wie unter dem Mikroskop eine Schärfe annahmen, die der eines guten Messers glich. Aber genug davon!

„Mutter! Dein Kind braucht Trommler-Schuhe!“ sagte er halblaut vor sich hin. Die Gedanken verschwanden, nur einen Augenblick. Tief einatmend berührte er das brüchige Holz, nahm den intensiven Duft des sich zersetzenden Eisens wahr, der diesen Ort in Besitz nahm. Als der Unfall – zumindest nannte seine Mutter es so – geschah, hatte es auch nach Metall gerochen. Doch es hatte eine andere Nuance. Es war der Gestank nach Blut. Altem, neuem, dem seines Vaters und dem der Tiere. Es floss so schnell durch deren Adern, dass er fast meinte, es hören zu können. Die Stimmung war aufgeheizt, die Tiere wütend, wild und… hier zögerte er. Doch es hatte keinen Sinn, den Gedanken beiseite zu schieben: hungrig. Immer schneller ging sein Atem, als das Bild – sein letztes Bild! – vor seinem geistigen Auge auftauchte, wo es sich tief einbrannte und bis an das Ende seiner Tage das Einzige war, was er sehen konnte. Es war sein Vater, ihn anblickend, die Bestien über sich. Der Arzt hatte gesagt, dass er wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Und vielleicht waren Blind- und Taubheit nur zeitweilig. Seine Mutter hatte, wollte, musste es einfach glauben. Doch er war nicht verletzt worden. Nicht ein Kratzer hatte die zarte Jungenhaut durchzogen. Er war gefangen in diesem letzten Augenblick, der seine Kindheit zerstörte.

„…denn sie passen ja so gut!“ beendete er den Satz und sprang in die Tiefe.

Creative Commons LicenseDieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

P.S.: Google gönnte mir sogar ein Foto der berühmten Trommler-Schuh-Werbung: *klick*. Das Bild, welches mich inspirierte, war jedoch um Längen erheiternder. Es besitzt eine gewisse (Selbst)Ironie…

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2 Gedanken zu „Kreatives Schreiben I + II“

  1. „…den kalten Leib der Zeit…“ das Bild gefällt mir.
    Zum Ganzen: der Anfang wirkt noch bisschen konstruiert, aber dann wird es plötzlich richtig flüßig, gleitend. Scheint echt zu funktionieren, die Taktik mit dem Kreis.
    Aber wie hast du den Text so angeordnet?

  2. Heya!
    Konstruiert? Bei dieser Kreistaktik lässt sich nicht viel konstruieren, das treibt einen gemächlich in den Wahnsin. 😉 War einfach mein allererster Gedanke zum Stichwort.
    Spirale: das funktioniert mit dem Vektorprogramm Inskape. Spirale erstellen, Text einfügen, beides zusammenfügen, Pfad wieder vom Text lösen, fertig!

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