Mein erster Arbeitstag begann recht harmlos. Da ich früh aufstehen musste, sehnte ich mich, nichtsahnend, wie wir Menschen nun einmal sind, nach einer guten Tasse Kaffee. Die erste Überraschung: obwohl ich keinen Wunsch ausgesprochen hatte, sorgte eine Kollegin dafür, dass er sich erfüllte. Ihr Name lautete Vee, wie ich später erfuhr. Wir würden uns noch oft begegnen. Besagte Vee überschüttete mich an jenem Morgen mit einer gehörigen Portion Kaffeepulver. Wie sie mir später erklärte, hätte sie nur getan, was ich wollte: Kaffee.
„Von Becher oder gekocht haste ja nix gewünscht, oder?“ setzte sie keck hinzu.

Auch da kam mir noch nicht in den Sinn, auf welch heimtückische Weise Feen Wünsche erfüllen. Doch nur Minuten später kam ich selbst in den Genuss, es ihr gleichzutun. Auch meinen Geliebten, Cúthalion, hatten die Fabelwesen in ihren Bann gezogen. Sein erster Gedanke galt einer Pfanne, welche ich aus einer mir plötzlich aufkommenden Logik heraus direkt auf seinen Hinterkopf sausen ließ – da gehören Pfannen doch hin, oder? Alte Hausfrauentraditionen darf auch eine Fee nicht umgehen.
Meine Freude war ungetrübt, obwohl ich gerade meinen Partner k.o. geschlagen hatte. Doch was sollte ich mir wünschen? Etwas Unverfängliches, etwas, das weniger Flecken auf meiner Bettwäsche hinterlassen würde. Auf diese Weise lernte ich die schlimmsten Beleidigungen Rumäniens in Landesprache kennen und lieben, denn wieder hatte Vee ihre Finger im Spiel. Hinter das Geheimnis der rumänischen Sprache bin ich bis heute nicht gekommen – aber ich kann fluchen wie ein Kutscher!

Wäre ich nach diesem Erlebnis nur schlauer geworden! Aber nein, mein nächster Wunsch galt dem schönen Spanien. Ein Urlaub in Madrid sollte es sein. Das konnte ja nicht schwer sein. Doch es war wie verhext. Eben hatte ich noch in Ausübung meiner Pflicht Mitfee Vee auf der Toilette ohne Papier, dafür aber mit Tageszeitung eingesperrt (sie wünschte sich ein ruhiges Plätzchen zum Lesen), schon rächte sie sich, indem sie mich in ein Polizeibüro verfrachtete. Immerhin der Blick aus dem Fenster war angenehm. Draußen schien die Sonne, – drin leider nur die Halogenlampe. Ich brauchte all meine bescheidenen Spanischkenntnisse (die zu dem Punkt nur ein wenig besser waren als mein rumänischer Wortschatz), um eine Erklärung zu bekommen. Ich erhielt sie sogar schriftlich. Auf 214 Seiten. Vom Spanischen ins Mongolische und dann ins Deutsche übersetzt. Ich habe bis heute nicht entschlüsseln können, was „Sie Hühnersuppe tuten Roberto laut“ bedeutet.
Mein Liebster versuchte immerhin, mich zu retten. Doch da auch er in der Welt der bösen Feen gefangen war, konnte er nur über einen Wunsch zu mir eilen. Er erbat sich eine Horde starker Männer.
Als ich ihn das nächste Mal sah, prangten zwei Hörner auf seinem Kopf und er trug zahlreiche Verletzungen am ganzen Körper. Gerade noch war er dem Torero entkommen, als er als Anführer der Stiere durch Pamplona um sein Leben rannte. Ich fürchte, er trug einen dauerhaften psychischen Schaden davon, auch wenn wir die Hörner entfernen konnten. Der Ochsenschwanz hielt allerdings etwas länger… Er wünschte sich nun Weltfrieden, was ich ihm auch prompt erfüllte: Michelle, die bekannte Schläger-, nein, Schlagersängerin trällerte ihm in fünf Sprachen „Ein bisschen Frieden“ vor. Wie hatte ich ihm das nur antun können?

Jetzt wusste ich Bescheid: nicht nur mein Beruf und mein Name hatte sich geändert (man nannte mich übrigens Fav, was ich erst seltsam fand. Doch man sagte mir, alle weiblichen Feen hätten einsilbige, alle männlichen viersilbige Namen. Dazu jedoch später mehr.).
Viel wichtiger: auch mein Charakter und mein Geist, welcher jetzt zu ungeahnten Höhenflügen fähig war, hatten sich gewandelt.

Ich war… eine böse Fee!

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